Ich wünschte, ich könnte all das offen sagen…

Vor ein paar Monaten habe ich mich auf einer App für digitale Brieffreundschaften angemeldet.

Ich wollte einfach auch unterwegs nette Kontakte und ein paar neue Freundschaften knüpfen, die nicht an meinen Aufenthaltsort gebunden sind (was als Dauerreisende echt knifflig ist) und die nichts, aber wirklich auch gar nichts, mit Dating zu tun haben.

Ich fand ein paar nette Kontakte und fing an, mich besonders mit einem Brieffreund aus England regelmäßiger auszutauschen. Nachdem ich auf ein paar Flirtversuche nicht eingegangen bin, pendelte sich tatsächlich eine platonische Brieffreundschaft ein, in der es trotzdem sehr häufig um seinen Single-Status ging und den Wunsch nach einer Partnerin – oder die erfolglose Suche danach.

Ich versuchte, Ratschläge zu geben, ein offenes Ohr zu haben, aber beteiligte mich die meiste Zeit nicht mehr am „Single“- Thema, als auf seine Erzählungen und Bekenntnisse einzugehen und Mitgefühl zu schenken.

Das hatte gar nichts mit Schüchternheit oder mangelndem Vertrauen zu tun. An 29 von 30 Tagen beschäftige ich mich einfach nicht wirklich damit, Single zu sein, und vermisse auch nichts dabei. Mein Leben ist bunt, gut gefüllt, und ich rede lieber über Themen wie Filme, Feminismus oder ja, auch richtig gerne über meine Karriere und meinen Job.

Die sonst so üblichen Rollenbilder waren bei uns also etwas durchmischt und leicht vertauscht, und ich fing gerade an, das richtig zu genießen. Mal was anderes und definitiv entspannt.

Bis ich den Kardinalfehler beging…

Ich gab zu, dass auch ich mich manchmal einsam fühle und ja, mir auch manchmal einen Partner wünsche. Quasi am Tag 30. Ganz genau so, wie es vermutlich jedem anderen Single auf der Welt manchmal so geht. Ganz genau so, wie sich vermutlich jeder Mensch in einer Partnerschaft manchmal denkt: „Boah, ich wäre gerade gerne Single.“

Aber bei mir? Ist es ein Kardinalfehler, das offen auszusprechen.

Weil sofort Raunen und ein „Ha! Ich hab’s doch gewusst“ durch die Reihen geht, egal, wo ich das ehrlich zugebe und sage.

Aus „manchmal“ wird dann in den Köpfen sofort „immer“.
Aus einer Stunde „einsam“ fühlen wird dauerhaft verzweifelt und depressiv.

Bei meinem Brieffreund führte das zu zwei Geständnissen von ihm:

1. Er wäre ja soo erleichtert, dass ich das zugegeben hatte, und würde die Ehrlichkeit schätzen. Er hätte schon das Gefühl bekommen, ich sei eine ziemliche Eiskönigin.

2. Er hätte sich auch schon heimlich gefragt, warum ich so viel unterwegs bin, so oft den Ort wechsele und ob ich nicht vor etwas davonlaufe.

Das war der Punkt, an dem ich innerlich explodiert bin.

Nicht, weil getroffene Hunde bellen. Nicht, weil er nicht der Erste war, der mir all das unterstellte – und definitiv auch nicht der Letzte bleiben würde.

Sondern weil ich all dieses sexistische Bullshit-Bingo, das ich auf egal welcher Plattform immer wieder mitspielen musste, so satthabe – aber das nicht offen sagen kann.

Ich wünschte so oft, ich könnte offen sagen, dass, wenn ich als Mann mit Ende dreißig so viel Reisen würde und ständig unterwegs wäre, niemand mich fragen würde, wovor ich weglaufe, sondern man mir bewundernd auf die Schulter klopfen würde.

Man würde mich als abenteuerlich beschreiben. Als jemanden, der sich so richtig austobt. Sein bestes Leben lebt.

Menschen würden mich beneiden und nicht anzweifeln.

Ich wünschte so oft, ich könnte offen sagen, dass, wenn ich als Mann meine Gefühle nicht gleich jedem unter die Nase reibe oder sogar gar nicht über sie rede, ich als einsamer Wolf beschrieben werden würde und nicht als Eiskönig.

Niemand würde sich darüber wundern, sich fragen, ob ich nicht heimlich einsam und verzweifelt bin oder ob mir „eine Partnerin“ fehlt.

Es wäre völlig natürlich, dass ich mich in die Natur zurückziehe, um durchzuatmen und alleine mit mir Zeit zu verbringen. Dass ich mir selbst als Gesellschaft an 29 von 30 Tagen genug bin.

Ich wünschte so oft, ich könnte offen sagen, wie wütend mich diese Differenzierung macht und wie wütend es mich macht, bei all dem ruhig bleiben zu müssen.

Verständnis für mein Gegenüber aufzubringen, das mich stattdessen einfach nur in sexistische Schubladen steckt.

Geduldig immer wieder zu versuchen, aufzuklären, wie ich ticke, dass es mir gut geht – und doch zu scheitern, weil ich in den Augen der anderen entweder die Wahrheit nicht sehen will (schließlich kann eine Frau doch nicht alleine ohne den Beruhigungspimmel glücklich sein, oder?!) oder als Eiskönigin ende.

Aber ich kann all das nicht offen sagen.
Vor allem nicht, wie wütend es mich macht.

Denn wenn ich all das offen sagen würde, dann wäre ich eine wütende Frau, die sich über diesen Sexismus offen und laut äußert.

Und die steht noch weit über jeder Eiskönigin.

Sie ist eine extreme Feministin, die sich vermutlich die Achselhaare nicht rasiert. Sie ist eine frustrierte, frigide Zicke, die vermutlich nur mal richtig durchgevögelt werden muss. Sie ist einfach nur heimlich deprimiert, weil sie keinen Mann abbekommen hat.

Wütende Frauen sind noch schlimmer als Frauen, die gar keine Emotionen haben, das hat uns die Gesellschaft glasklar gemacht.

Sie werden abgewunken, sie werden lächerlich gemacht, bei ihnen wird alles dafür getan, dass sie nie wieder ernst genommen werden.

Also bleibe ich still.

Und wünschte immer wieder, ich könnte all das offen sagen…

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6 Kommentare / Schreib einen Kommentar
  1. Marion Hillmer

    Danke für den tollen Text, der mir endlich mal wieder deutlich gemacht hat, dass ich nicht die Einzige bin, die wirklich toll alleine klarkommt. An 29 von 30 Tagen! Im ganz normalen Leben, immer mal dich bewundernd, wie du dein Leben führst!

  2. Katharina

    Liebe Carina, dein Artikel ist wunderbar! Ich bin zwar weder Reisende, noch allein, aber der Mann an meiner Seite ist erst 1 Jahr alt 🙂 Ich bin alleinerziehend und obwohl das nicht meine Entscheidung war, bin ich nicht auf Männersuche. Im Gegenteil. Ich wäre so gerne mutig genug, um mit dem Kleinen auf Reisen zu gehen und würde am liebsten weg von all den Menschen ein freies Kind großziehen. Das kann ich auch nirgendwo sagen. Und als ich vor der Beziehung mit seinem Vater 5 Jahre Single war, ging es mir so wie dir. Was waren dann alle erleichtert, als da ein Mann in meinem Leben auftauchte 🙁 Alles Liebe für dich, lass dich nicht unterkriegen!
    Katharina

    • Carina Herrmann

      Ich musste jetzt leider mal wieder mit den Augen rollen, bei Deinem Satz „Was waren alle erleichtert…“
      *Seufz*
      Danke für Deinen tollen Kommentar, Katharina! Und alles Gute für Dich und den kleinen Mann 🙂
      Carina

  3. Viktoria

    Liebe Carina,
    es wäre, als hättest du mir aus der Seele gesprochen mit diesem Beitrag.Danke dafür!
    Liebe Grüße von einer weiteren solo-reisenden Eiskönigin 😉

    • Carina Herrmann

      Sehr gerne 😉

  4. Jana

    Ganz genauso geht es mir beim Vergleich von selbstständigen Müttern und Vätern.

    Väter, die selbstständig sind, werden in den Himmel gelobt und gefeiert, weil sie ja so flexibel sind und so viel Zeit für ihr Kind haben! Das ist ja so toll und weltbewegend.

    Und dann komme ich als selbstständige Mutter daher und ernte nur Sätze wie
    „du vernachlässigst dein Kind“ oder „du bist egoistisch und schiebst dein Kind ab“

    Ich habe das so was von satt! Warum darf es nicht auch toll sein, dass ich als selbstständige Mama flexibel bin und mehr Zeit für mein Kind habe?

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